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Konzertkritiken

Frankfurter Allgemeine Zeitung
03.01.2008, Nr. 2, S. 45

Mitternacht heißt diese Stunde
Martin Lückers Silvester-Orgelkonzert in der Katharinenkirche

Martin Lückers Orgelkonzert am späten Silvesterabend besuchen hauptsächlich Menschen, die den Kontrast zum allgemeinen und im doppelten Sinne besinnungslosen Rausch zum Jahresende suchen. Ein merkwürdiges und interessantes Phänomen ist, dass dabei in der Sankt-Katharinen-Kirche mitten im Herzen Frankfurts an der Hauptwache stärker als in anderen Konzerten ein Zusammenhalt des Publikums spürbar wird. Ungeachtet aller Heuler und Böller, die die Kirche umtosen, eint die Zuhörer am letzten Abend des Jahres der Wille zur gemeinsamen Konzentration. Das macht einen wesentlichen Teil der besonderen Atmosphäre des traditionellen, stets sehr gut besuchten Orgelabends aus. Reihenweise lauschen die Besucher mit geschlossenen Augen, in sich gekehrt, und viele lassen wohl die vergangenen zwölf Monate im Geiste noch einmal Revue passieren.

Mit "Event-Kultur" hat das Ganze also nichts zu tun, es handelt sich vielmehr um das genaue Gegenteil. Die von Martin Lücker schon zu Beginn des Jahres 2007 im Gesamtprogramm der Reihe "Musik in Sankt Katharinen" angekündigte und ohne Änderungen beibehaltene Werkfolge zeugte davon diesmal exemplarisch: ein seriöses Programm ohne Effekthaschereien, mit Werken, die Orgelfreunden bekannt sind, aber nicht unter die Kategorie des Hyperpopulären fallen. Das begann vollgriffig im Fortissimo unter der Satzbezeichnung "Allegro moderato e serioso" in f-Moll mit Mendelssohns erster Orgelsonate op. 65 Nr. 1, kraftvoll im Klang, aber nicht zu massiv. Vielmehr ließ Lücker die lauten Abschnitte ungewöhnlich locker, jedenfalls nicht angespannt oder starr wirken, wozu sein flüssiges Pedalspiel viel beitrug. Wie der ständige Pianissimo-Fortissimo-Kontrast auch im dritten Satz formgebend wirkt und den größeren Zusammenhang stiftet, wurde klar verständlich. Das Adagio dazwischen bekam treffend den Ausdruck einfacher Religiosität, das Finale seinen virtuosen Charakter.

Im Zentrum stand mit Johann Sebastian Bach der Komponist, dessen Werk der an der Musikhochschule lehrende Organist der Sankt-Katharinen-Kirche als Zentrum seines riesigen Repertoires ansieht. Die Choralbearbeitung "Wachet auf, ruft uns die Stimme" BWV 645 aus den sechs "Schübler-Chorälen" führte an das Ende des Kirchenjahrs und damit eigentlich schon wieder in die Voradventszeit, ließ aber mit dem Vers "Mitternacht heißt diese Stunde" auch an die weltliche Jahreswende denken und war mit den durch Klangfarben und Phrasierungen klar voneinander abgesetzten drei Stimmen streng-akkurat gespielt. "Wenn wir in höchsten Nöten sein" BWV 641 und "Vater unser im Himmelreich" BWV 636 bildeten die beiden meditativen Ruhepunkte, "Herr Jesu Christ, dich zu uns wend" BWV 655 erklang spielerisch-leicht und hell.

Johann Sebastian Bachs große Passacaglia c-Moll BWV 582 interpretierte Martin Lücker mit architektonischem Scharfsinn, wobei er mit abschnittsweise wechselnden und vielfältigen Registrierungen den formalen Aufbau verdeutlichte und das Thema, das am Ende in einer mächtigen Fuge verarbeitet wird, noch aus den verstecktesten Winkeln herausholte. Energische Steigerungen und gelungene Zurücknahmen machten die Klangregie dramaturgisch wirkungsvoll. César Francks Choral Nr. 3 a-Moll war ebenfalls reich "instrumentiert": vom oboenartigen Gesang über Streicherklänge bis zu orchestralen Schüben. Die Zugabe "Wer nur den lieben Gott lässt walten" in Bachs Bearbeitung BWV 642 lenkte den Blick zuversichtlich auf das neue Jahr.

GUIDO HOLZE

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07.04.2007

Musik mit Händen und Füßen
Martin Lücker, Musikprofessor und international gefragter Konzertorganist, braucht die Bodenhaftung in Frankfurt
VON ANITA STRECKER

Er braucht keine Hobbys. Keinen Lebenstraum, den er sich irgendwann unbedingt erfüllen muss. Kein fixes Ziel zum Festhalten. Es würde ihm wohl auch nie einfallen, ein Apfelbäumchen zu pflanzen, wenn er wüsste, dass ihm nur noch ein Tag zum Leben bleibt. "Ich genieße das irrsinnige Privileg eines nicht entfremdeten Lebens." Martin Lücker sagt es leichthin. Bitte kein Pathos. Wenngleich ihm die Dimension seiner Aussage durchaus bewusst ist: Das, was ihn am meisten interessiert, umtreibt, ihn selbst ausmacht, und womit er sich am liebsten beschäftigt, hat er zu seiner Arbeit gemacht: Musik. Kirchenmusik. Er ist Organist. Organist an der traditionsreichen St. Katharinenkirche an der Hauptwache.

Karriere wie die eines Wunderkinds

Und die Rezensenten jubeln im Superlativ, preisen Martin Lückers Virtuosität und empathische Musikinterpretationen, zählen ihn zu den profiliertesten Bach-Experten und Organisten der Moderne. Tatsächlich liest sich die Karriere des drahtigen Mannes mit der modischen, schmalen Brille wie die eines Wunderkinds: Mit 17 Abitur, danach Studium der Orgel in Hannover und beim berühmten Organisten Anton Heiller in Wien, Cembalo-Studium in Boston, A-Prüfung mit jugendlichen 21 und dazu schon vier internationale Preise in der Tasche.

Mit 22 Dozent an der Hochschule für Kirchenmusik in Herford, gleichzeitig Dirigenten-Studium in Detmold, von 1979 bis 1983 Arbeit als Kapellmeister und Korrepetitor an den Opernhäusern in Detmold und Frankfurt, ehe der Kirchenvorstand von St. Katharinen den damals 29-jährigen Jungspund ohne Kantoren-Erfahrung zum Nachfolger der renommierten Kirchenmusikerin Ingrid Stieber beruft. Seit 1998 ist Lücker Professor an der Musikhochschule Frankfurt und - ganz nebenbei - als Konzertorganist international gefragt.

Das klingt nach Obsession. Aber davon will der 54-Jährige nichts wissen. "Bis 16 dachte ich noch, ich studiere Chemie." Mann der Möglichkeiten. Musik war eine von vielen. Irgendwann hat sich der Arztsohn aus dem nordrheinwestfälischen Preußisch Oldendorf eben dafür entschieden. Weil er einfach nichts lieber machte als Musik. Und so hat er eben automatisch viel geübt zwischen 16 und 21. Musik als Existenzform. Auch diese Sätze sagt er wie nebenbei. War eben so: "Ich mache mir keine großen Gedanken, fühle mich wohl, wenn sich alles fügt. Überhaupt hat sich vieles in meinem Leben aus Instinkt, Fügung und Glück ergeben."

Konzerte bei offener Tür

Er malt ein Dreieck auf den kleinen Arbeitstisch hinter "seiner" Rieger-Orgel auf der Empore von St. Katharinen: Wohnung in der Leerbachstraße, Musikhochschule, Katharinenkirche. Ein Dreieck, das in zehn Gehminuten zu schaffen ist. Seine Fixpunkte. Dreifaltigkeit seines Alltags, von der sein ganzes Wirken ausgeht. "Ein Zwei-Haushalt-Leben mit Organistenstelle in der einen und Professur in der anderen Stadt wäre nichts für mich."

Und so ist er "sehr präsent" in Frankfurt, wie er sagt. Bodenständig. Trotz der vielen Konzerte, die ihn von Leipzig bis Luxemburg, von Brüssel bis Bozen, von Merseburg bis Marienmünster führen. Er verbringt so viel Zeit wie möglich an der Rieger-Orgel in der Katharinenkirche. Sein Platz. Seine Orgel, deren Aufbau er 1990 Pfeife für Pfeife begleitet hat, und die er eine der "besten modernen Orgeln überhaupt" nennt. " Ich liebe diesen Ort." Die Kirche mitten im Leben, das beständig durch die offene Kirchentüre ins Innere schwappt. Lärmgedämpft, das Tempo verändernd. Die Schwelle vom verkehrsumtosten Gewimmel auf der Hauptwache in die Stille des Kirchenraums.

Eine Grenzüberschreitung, die Martin Lücker gleichfalls liebt. Sie hat ihn auf das Beste gebracht, das er je in seinem Beruf gemacht hat, wie er sagt: 30 Minuten Orgelmusik, jeden Montag und Donnerstag, Schlag 16.30 Uhr. Die Kirchentüren stehen immer offen, jeder darf eintreten, zuhören, die Zeit vergessen und sich entrücken lassen von der Musik. Ein Geschenk, sagt er. Verlässlich. "Einfach da wie die Sonne."

2290 Mal genau hat er den Frankfurtern seit 1983 dieses Geschenk bereitet und sich dabei ein Repertoire aufgebaut, wie es kaum ein zweiter Organist haben dürfte. Und die Menschen nehmen es an, entdecken, dass 30 Minuten Kontemplation selbst die größte Eile überwinden. "Ein Selbstläufer. Ganz ohne Werbung." 60 Zuhörer sind im Schnitt immer da, Lücker hat schon eine regelrechte Fan-Schar um sich versammelt, die sich in Mails bedanken, sich wehmütig verabschieden, wenn sie in eine andere Stadt ziehen.

30 Minuten Zeit. Jedes Mal minutiös geplant, Musik auf höchstem Niveau. Er nimmt die Aufgabe Ernst, hat sich in all den Jahren kaum vertreten lassen und wenn, dann nur von den besten seiner Kirchenmusik-Studenten. "Es gilt als Ehre und Anerkennung, die Orgelmusik spielen zu dürfen." Auch das ist ihm wichtig. "Kleinigkeiten sorgen für Perfektion, aber Perfektion ist keine Kleinigkeit." Der Satz wird Michelangelo zugeschrieben, könnte aber auch von Martin Lücker stammen.

"Der Ruhm eines Künstlers basiert nicht auf einer Sternstunde, sondern dass er beständig ein hohes Niveau nicht unterschreitet." Dieser Satz stammt von ihm. Er ist sein Credo - und Auftrag zugleich. "Musik kann man nicht definieren, sie wirkt nur, wenn sie klingt." Und das immer wieder neu, sagt er, für jeden einzelnen - abhängig von Raum, Zeit, Stimmung. So wird ihm Bachs Kunst der Fuge auch nach dem zigsten Mal nicht langweilig, kein Sonntagsgottesdienst, keine Vesper, die er Ernst nimmt wie ein Konzert im Leipziger Gewandhaus. Lästig auch nicht die sieben Organistendienste, die Lücker über die Ostertage in St. Katharinen übernimmt. "Vorgegebene Abläufe wie in jedem Beruf", die ihm doch wichtig sind: Der Mensch im Bewusstsein seiner Endlichkeit sehnt sich nach Spiritualität und transzendenten Erfahrungen, ist er überzeugt. "Wenn es gelingt, dass im Gottesdienst Vor- und Nachspiel, Predigt und die Choräle alle in diesselbe Richtung und die Musik zu einer transzendenten Erfahrung verhilft, ist das wunderbar."

Entspannung beim Milchkaffee

Umso mehr in Frankfurt, dieser säkularen Stadt, die er genießt und die ihm Heimat geworden ist. Durchlauferhitzer für Menschen, die kommen und gehen, wie es im Kleinen auch in seiner offen stehenden Katharinenkirche Tag für Tag geschieht. Eine Stadt, ständig in Veränderung und in ihrer überschaubaren Struktur doch beständig wie Lückers kleines Dreieck Leerbachstraße - Musikhochschule - Katharinenkirche. Oder wie der grüne Anlagenring samt Mainufer, den er regelmäßig durchjoggt. Oder wie die Musik. "Auch sie hat feste Strukturen und ist doch immer wieder neu zu interpretieren, zu entdecken und zu erfahren."

Struktur ist wichtig, sagt er. Grundlage auch für sein Leben. "Weil Struktur Freiheiten verschafft." Freiraum für Dinge, die dem Mann-der-vielen-Möglichkeiten gleichfalls wichtig sind zwischen seinem durchgeplanten Musikerleben. Um in Schauspiel oder die Oper zu gehen, denen er sich nach seiner Korrepetitoren-Zeit bis heute eng verbunden fühlt. Um den Haushalt in der Leerbachstraße zu schmeißen, um seine Frau zu pflegen, die an den Folgen eines Schlaganfalls leidet. Um regelmäßig joggen zu gehen, zu kochen, Freunde zu treffen, sich mit seinen Studenten auszutauschen. Oder um nach den 30 Minuten Orgelmusik den obligatorischen Milchkaffee in seinem Stammcafé in der Innenstadt zu trinken - kurz: um Teil zu haben am Leben der Stadt, die immer neue Entdeckungen und Inspirationen bietet.

Nein, er sehnt sich nicht weg. Keinem zukunftsgerichteten Traumprojekt entgegen, das er einmal in seinem Leben noch schaffen möchte: "Weil in der Gegenwart laufend große und kleine Ziele auf mich zukommen."

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Lüneburger Landeszeitung
28.9.2006

Die Kunst der Fuge

Bach-Konzert mit dem Organisten Martin Lücker in St. Johannis aut Lüneburg. Spannungsreicher und faszinierender in ihrem Facettenreichtum kann die "Kunst der Fuge" wohl kaum erklingen: Martin Lücker, letzter Gast des diesjährigen Lüneburger Orgelsommers, verzauberte an der Renaissance-Barockorgel von St. Johannis eine konzentrierte Zuhörerschaft mit Johann Sebastian Bachs genialer Kontrapunktik voller ungeahnter Klangreize. Der Organist, Hochschulprofessor und Bach-Experte aus Frankfurt am Main, widerlegte die immer noch weit verbreitete Vorstellung, dass der Zyklus aus 14 Fugen und vier Kanons seinen Charme allein aus der vollendet meisterlichen Konstruktion beziehen kann. Mit einer eigens erstellten Reihenfolge der Stücke und Erläuterungen auf Programmzetteln gab Lücker wertvolle Hörhilfen, die seine geistvolle Artikulations- sowie Registrierkunst besonders plastisch nachvollziehbar machten. Lücker hinterließ keinen Zweifel darüber, dass erst im Erklingen dieser hochgradig konstruktiven Musik ihr wahrer Charakter zum Ausdruck kommt. Der Organist zeigte, dass die (Barock-)Orgel mit ihren typischen Einschwingvorgängen und klaren Tonfolgen, durch ihren großen Schatz an Klangfarben das wohl am besten geeignete Instrument ist, die grandiose Vielstimmigkeit transparent darzustellen. Sich verwebende Melodien und Harmoniezüge verschmolzen zur Vollkommenheit. Bachs stilistischer Weitblick spiegelt sich in den Fugen über ein einziges Hauptthema und einer Reihe daraus abgeleiteter Nebenthemen besonders deutlich, wenn tiefe Zungenstimmen sich mit hoher Bauernflöte, quinttönige Register sich mit obertonreichen Mixturen mischen und abwechseln. So klang die vierstimmige Gegenfuge (im BWV Fuge Nr. 7) wie eine Choralbearbeitung aus der Renaissance. Die Fuge Nr. 4 mit chromatischem Gegenthema und Kuckucksruf geriet zu einer romantisch-emphatischen Skizze voller harmonischer Schwebezustände, ausbrechend aus strengen Gesetzlichkeiten und aller vermeintlichen Trockenheit der Satzstruktur. Wie ein Inferno flammten Klangrückungen und pochende Motivik (Tripelfuge 11), wie fröhlich gepfiffene Hirtenmusik frohlockte der Kanon (Nr. 14). Bach nutzte das chromatische BACH-Thema immer wieder zu heute noch überraschend und neu erscheinenden Visionen.

© Landeszeitung für die Lüneburger Heide 2006


Frankfurter Allgemeine Zeitung
14.06.2006, Nr. 136, S. 58
Kultur

Strahlendes Finale
Martin Lücker im Museumskonzert

Organisten walten gewöhnlich im Dämmerlicht einer Empore ihres finger- und fußfertigen Amtes. So war es schon eine besondere Gelegenheit, Martin Lücker im letzten Frankfurter Museumskonzert der Saison nicht nur zu hören, sondern auch in voller Aktion zu sehen. Den Anlaß hierfür bot Paul Hindemiths Konzert für Orgel und Orchester aus dem letzten Lebensjahr des Komponisten, der in jungen Jahren Konzertmeister des Museumsorchesters und auch nach dem Krieg regelmäßig Gast am Main war.

Hindemith entfaltet für das Auftragswerk aus New York beträchtliche Phantasie, nicht nur für die Form der vier Sätze, er entfaltet zugleich die ganze Palette des Orchesters, ihm steht das Soloinstrument solistisch oder auch als integrierter Partner gegenüber. Die Dichte des Satzes und die Komplexität der Formen machen es dem Hörer nicht leicht. Originell ist das schrittweise Crescendo des ersten Satzes im schlüssigen Zusammenwirken von Solo und Orchester, ihm verdankt er zugleich auch seinen Titel. Gut zu verfolgen ist ebenfalls der Pfingsthymnus "Veni creator" im Finalsatz, er erinnert von ferne an das "Lauda Sion" am Schluß der "Mathis"-Sinfonie. Lücker, der die virtuosen wie klanglichen Elemente seines Parts voll zur Entfaltung brachte, wählte sinnfällig Bachs Choralvorspiel zu "Komm, Gott, Schöpfer, Heiliger Geist" (BWV 667) als erste Zugabe, bevor er mit einer eindringlich deklamierten Wiedergabe des Präludiums G-Dur (BWV 541) die - allzu selten erklingende - Orgel der Alten Oper nochmals in sattem Pleno erglänzen ließ.

GERHARD SCHROTH


Frankfurter Neue Presse
Printausgabe vom 13.06.2006

Aufstieg in Bruckners Klanggebirge
Von Gabriele Nicol

Paolo Carignani und sein Museumsorchester beschlossen in der Alten Oper Frankfurt mit Organist Martin Lücker die Saison.

Gemeinsam ist dem Konzert für Orgel und Orchester von Paul Hindemith und Anton Bruckners vierter Sinfonie die Fülle der Klangfarben (und also auch die gute Gelegenheit für alle Orchestergruppen). Wie allerdings mit den komposito-rischen Mitteln ungegangen wird – das macht einen riesengroßen Unterschied. Martin Lücker, gewiss der Primus unter den Frankfurter Organisten, setzt sein volles Temperament für Hindemith ein, fügt sich aber auch willig dem Gesamttonfall, wenn die Orgel eben nur eine der vielen Farben ist. Das Werk klingt auch aus dem Orchester in glänzender, sogar spielerischer Festlichkeit, ein Nachhall von Pfingsten, nicht erst im „Veni Creator Spiritus“ (Komm, Schöpfer Geist), aber dort erst recht. Es ist, als könne man die inspirierenden Feuerzungen sehen, die über die Köpfe kamen, so köstlich und nachhaltig macht sich Lücker ans Werk. Schön, dass er das „Veni Creator“ noch einmal zugab und eine seiner wundervoll klaren Bach-Interpretationen.


Frankfurter Rundschau
Feuilleton
Montag 12. Juni 2006

Kurze Wege
Meisterliche Zusammenhänge im letzten Museumskonzert
Von Hans-Klaus Jungheinrich

Aber ja doch, es gibt in dieser Stadt in diesen Tagen auch noch Sinn für musikalische Ernsthaftigkeiten. Im letzten Museumskonzert der Saison dirigierte Paolo Carignani Anton Bruckners 4. Symphonie Es-Dur und Paul Hindemiths Orgelkonzert von 1962/63 (Solist: Martin Lücker).

Organistenauftritte in Symphoniekonzerten haben dann etwas Mysteriöses, wenn der Solist dabei weit entrückt auf der Empore sitzt. Diesmal gab es einen Spieltisch unmittelbar seitlich am Orchester, so dass Martin Lückers Hand- und Fußarbeit genau beobachtet werden konnte. Auch seine interpretatorische Autarkie, die außer dem Umblätterer noch den registrierenden Beihelfer entbehrlich machte (auch dank des computerisierten Orgel-"Gedächtnisses").

Ein halbes Kilometerchen führte den Katharinenkirchen-Organisten von seiner Sonntagsstätte weg. Von dem dort Gewohntem brachte er in die Alte Oper nur zwei Bach-Zugaben mit, als veritables Organisten-Garnknäuel aber Hindemiths Spätopus, einen gestaltenreichen Viersätzer voller Rauheiten und Bizarrerien, aus denen man aber, an tröstlichen Cantus-firmus-Händen geleitet, auch gut wieder herausfindet. Apart der Beginn des Kopfsatzes mit einem tiefen Pedalton der Orgel und kellerigem Streichergemurmel, was sich alsbald zu dröhnender Landsknechtsmusik auswächst, wie man sie aus Hindemiths Historienopern kennt. Im zweiten Satz gibt es Geisterhaft-Scherzoses, im dritten Choralartiges, vor allem auf der Orgel. Etwas bombastisch eröffnet sich das Finale, das aber auch mit ungewöhnlich sensiblen Streicherpassagen aufwartet.

An dem wie verdutzt aus dem Gestrüpp und Gewoge hervorbrechenden und lang ausgehaltenen finalen Triumphdreiklang in Dur schien sich auch der Dirigent zu erfreuen, der zuvor mit größter Aufmerksamkeit den von manchen Taktwechseln und anderen Plötzlichkeiten gespickten Ablauf bedacht hatte - ein kooperativer Begleiter des seinen Part ebenfalls mehr integrierend als mit Virtuosenattitüde spielenden Organisten. Dabei achtete Lücker mit charakteristischer Klangfarbendramaturgie gelegentlich durchaus auf Dominanz, nutzte aber auch die Chance zur klug dosierten Klangmischung mit dem Orchesterkolorit.


Frankfurter Neue Presse
Printausgabe vom 15.03.2006

Die letzten Worte Jesu
Organist Martin Lücker eröffnete die Frühjahrssaison in der Frankfurter Katharinenkirche.

Im Mittelpunkt dieses Orgelabends in der vorösterlichen Bußzeit standen die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz. Nicht nur Haydn vertonte sie, sondern auch der französische Romantiker Charles Tournemire. Besonders unter die Haut ging beim Konzert mit Martin Lücker in der Katharinenkirche die Bildhaftigkeit, mit der hier Gefühle zu Tönen wurden. Im vierten Abschnitt glaubte man fast, den Hilfeschrei "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" hören zu können, so schmerzlich und quälend klangen die Akkorde. Auch die verhaltenen Abschnitte "Mich dürstet" und "Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände" zeigten in der sachkundigen und technisch versierten Interpretation Martin Lückers viel Spannkraft und Dramatik. Auch wenn das Werk eine gute Dreiviertelstunde dauert, wird es infolge eines steten Spannungsbogens nie gleichförmig oder gar langweilig. Das aber war vor allem auch das Verdienst des Organisten.


Frankfurter Neue Presse
21. Mai 2005

Feurige Pfingst-Zungen
Martin Lücker gestaltete ein Orgelkonzert in der Katharinenkirche Frankfurt.

Drei Mal „dreifaltige“ Stücke zu spielen – das könnte die geheime Idee dieses Konzerts zwischen Pfingsten und dem Dreifaltigkeitsfest gewesen sein. Aber auch ohne liturgischen Leitfaden bekam das Publikum in der Katharinenkirche herrliche Musik zu hören. Für César Francks „Drei Stücke“, 1878 zu Einweihung der Pariser Trocadéro- Orgel komponiert, fand Hausherr Martin Lücker typische, grundtönige Klangfarben; „Fantaisie“ und „Cantabile“ wirkten temperamentvoller als das Image, das der Komponist anhand einschlägiger Abbildungen bei uns genießt; besonders die punktierten Rhythmen hatten gelösten Schwung.

Überraschend melancholisch wirkte die sonst so selbstbewusste „Pièce héroique“ – vielleicht auch nur eine Assoziation aus dem Raum heraus, als draußen dunkle Wolken aufzogen. Bachs Dreiteiler Toccata Adagio und Fuge C-Dur registrierte Lücker am Rand des Verfremdens: sprudelnde Läufe zu Beginn (das Pedalsolo wirkte dagegen fast statisch), ein streng und unsentimental gehaltener Mittelsatz, die Fuge durch feurige Pfingst-Zungen geschärft – das Stück gewann archaische Größe, ohne an Transparenz einzubüßen. An den Schluss hatte Lücker die dreiteilige Suite op. 5 von Maurice Duruflé gestellt. Die sorgsame, sehr farbige Registrierung minderte den Hang zum Impressionismus, den das Stück schon aus seiner Harmonik gewinnt. Statt dessen wirkte die Architektur dieser großen Musik organisch, alles floss aus einem Guss, beweglich, rhetorisch betont, spannend gespielt. Einmal mehr ein singuläres Konzept. (Bom)


Frankfurter Rundschau
27. März 2003

Regers Kopf

Welch ein Glücksfall für das Publikum, wenn Finger und Geist, Motorik und Empathie sich so glücklich ergänzen wie zur Orgelmatinée in der Alten Oper, wo Organist Martin Lücker jetzt zu solch großdimesionierten Werken griff wie in seinem Programm „Romantik ohne Grenzen“. Am Mikrofon moderierend, gewährte der Frankfurter Orgelprofessor einen echt wirkenden Einblick in eigene emotionale Bindungen zur erklingenden Musik. Dabei wirkte der Fachmann nicht wie ein nüchterner Musikwissenschaftler, sondern riss die Zuhörer schon rhetorisch mit in die Schluchten tonsetzerischer Grenzausdehnungen, wie sie Max Reger in der Symphonischen Phantasie und Fuge d-Moll op. 57 komponiert hat.

An der Orgel verwirklichte Martin Lücker mit großer Eindringlichkeit die Intention Regers, „der sich an diesen Grenzen fast den Kopf blutig schlägt“, so der Interpret. Das Publikum spürte: Lücker ist der Mann, der das klangliche Spektrum der technisch auf den neusten Stand gebrachten Orgel der Alten Oper nicht nur zum vordergründigen Schillern bringt, sondern in ein symphonisches Seelendrama einzubinden versteht.

Auch Franz Liszts Fantasie und Fuge über den Choral Ad nos, ad salutarem undam legte davon Zeugnis ab. Sei die exakte Minimalrhythmik des virtuosen Laufwerks zu kantablen Melodiephrasen, die strukturelle Durchhörbarkeit in der Dichte des Notenbildes oder das organische Spannungsverhältnis zwischen dröhnender Dramatik und schlichter Choralzeile: All das geschah in einer eigenwilligen Registrierungsfolge, die spüren ließ, wie aufrichtig sich der Interpret dem kompositorischen Ringen um neue Horizonte gestellt hatte. Hier erntete Martin Lücker lang gereifte Früchte.

bjh


Neue Westfälische
5. Oktober 2000

Klangmagier am Werk
Siebter Orgelzyklus im Mindener Dom startete mit Martin Lücker

Von Udo Stephan Köhne

Minden (usk). Der Blick des Romantikers dominierte das Auftaktkonzert des siebten Orgelzyklus.

An der Domorgel zeigte sich Martin Lücker dabei als aufs Höchste präsenter Klangmagier, der den aufs Programm gesetzten Werken farblichen Reichtum und organische klangliche Steigerungen zu entringen wusste. Vorrang für das emotionale Erlebnis, für die große musikalische Geste, das war die Devise des Frankfurter Orgelprofessors.

So entstanden Klanggebilde von imponierender Erhabenheit, geschmückt mit den Akzidentien rauschhaften Musikgenießens. Lücker spielte auf die musikalische Wirkung hin, weniger auf das strukturelle Moment. Das führte im Choral h-moll von Cesar Franck zu frappierender Eindringlichkeit. Majestätisch der Ausdruck, kraftvoll einerseits, mit zartesten Farben gemalt andererseits die Darstellungsweise: im Ganzen einnehmend dieses Herantasten an die französische Romantik.
Gezielt auch die Aufbereitung der Ciacona e-moll von Dietrich Buxtehude. Was andere durchsichtiger, mit mehr Klarsicht auf die kontrapunktischen Züge der Musik spielen, setzte Martin Lücker als kompositorisches Schwergewicht an und letztlich auch durch. Dieser Buxtehude hatte Volumen, war machtvoll in der Anlage.
Ebenfalls kraftstrotzend die c-moll Passacaglia BWV 582 von Johann Sebastian Bach. Die vorwärtsströmenden Elemente des musikalischen Flusses gewannen hier schnell die Oberhand. Der Solist gab ihnen nach, die anfänglich zögernde Entwicklung der variativen Gedanken kam bald in Fahrt: Bach als Großmeister der musikalischen Sogwirkung, hier war es Ereignis.

Eine Insel der Ruhe, der meditativen Versenkung folgte. Jehan Alains „Le Jardin suspendu“ mit seiner exotisch anmutenden Harmonik war anmutig interpretiertes Kleinod. Ein „Lufthohler“ vor den ins Gigantische sich ausweitenden „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ -Variationen. Franz Liszts leicht aus dem Ruder laufende Orgelwerk schnürte Lücker dennoch imposant zusammen. Extreme dynamische Spreizungen und einen auch die sprunghaften Züge nicht unter den Teppich kehrende Sichtweise bestimmten dieses Finale.

Dass es den Solisten in der Zugabe nach einer melodischen Weise dürstete, war darum zu verstehn.


Frankfurter Allgemeine Zeitung
4. April 1999

Kunst der Fuge
Martin Lücker beendet mit Bach die Konzertreihe „Passion“

FRANKFURT. Bachs „Kunst der Fuge“ BWV 1080 ist Inbegriff höchster Fugenkunst, tiefgründiger Zahlenkombinatorik und Abbildungsgeometrie. Seit etwa 1740 erdacht, war die Summe des Bachschen Lebenswerks als Jahresgabe für die Mizlersche Gesellschaft gedacht, deren Satzung von ihm alljährlich eine Komposition „zur Propagierung der Majestät der alten Musik“ forderte. Bach trat dem Gelehrtenorden 1747 bei und sah die „Kunst der Fuge“ als Beitrag für das Jahr 1750 vor.

Martin Lücker hatte das Bach-Werk an das Ende der Konzertreihe „Passion“ gestellt, bei der seit Beginn der Fastenzeit in sieben Konzerten und zwei Vorträgen in der Katharinenkirche der Leidzeit von Jesu gedacht wurde. Er hatte für die Aufführung an der Rieger-Orgel die unterschiedlich überlieferten Reihenfolgen der 18 Contrapuncti in ein harmonisches Schema gebracht, indem Fugen und Kanons sich wohlproportioniert einander abwechseln.

Wie schon vor einigen Jahren beim Gesamtvortrag sämtlicher Orgelwerke Bachs wird die Tempowahl dem Zuhörer kaum bewusst. Lücker versteht es, bei jeder Fuge und in der gesamten Überschau über alle Stücke das natürlich fließende Zeitmaß zu finden, in dem sich die musikalische Substanz vollständig entwickeln kann. Auch dies ein Zeichen einer profunden Sachkenntnis des Materials und des subtilen Verständnisses für den musikalischen Gehalt der Komposition.

In ruhiger Bewegung wurden in den ersten beiden vierstimmigen Fugen das Grundthema, seine Umkehrung und ein Gegenthema in neutralen Klangfarben vorgestellt, bei dem erst in der dritten Fuge ein Obertonregister zur Kolorit-Verstärkung und Struktur-Erhellung beitrug. Nicht nur innerhalb eines Stückes, sondern in der übergreifenden Disposition aller 18 Teile kam eine überzeugende Klangregie zu Gehör, in der Steigerung und Mäßigung, Fülle und Schlichtheit, aber auch kräftige und sanfte Farben wie im Ablauf einer wohlgeordneten Rede einander abwechselten. So erhielt die vierte Fuge ein dichtes, volles Klangmuster, das in der siebten Fuge wie ein Grand Jeu „in stylo Francese“ seine Fortsetzung fand. Eine originelle Lösung fand Lücker für die achte Fuge, in der ätherisch klingende Flöten durch eine leichte Behebung an Lebendigkeit gewannen. Waren bis dahin Prinzipalstimmen vorherrschend, so traten mit der neunten Fuge die starken Zungenstimmen auf den Plan, dazu markant begleitet vom mehrstimmig zusammengesetzten Cornet.

Die vierstimmige Tripelfuge Nr. 14 war Dreh- und Angelpunkt der gesamten Interpretation. Hier exponierte Lücker hoch konzentriert alle Klangelemente zu einer majestätischen Synthese. Möglicherweise auch als Hommage an den Thomaskantor, der die Zahl 14 als Summe seiner Namensbuchstaben im Alphabet fast jedem seiner Werke zugrunde legte. Gelöst und in sich ruhend schloß das Passionskonzert mit der unvollendeten Quadrupelfuge, bei der das Thema B-A-C-H ein wenig indirekt, wie aus dem geschlossenen Schwellwerk, als Zeichen einer unvollständigen Entwicklung ertönte. Martin Lücker hat mit dieser überragenden Wiedergabe der „Kunst der Fuge“ einen außerordentliche ergreifenden Beweis seiner künstlerischen Könnerschaft gegeben.

CHRISTIAN EKOWSKI


Stuttgarter Zeitung
31. August 1998

Lehrer und Schüler
Der Organist Martin Lücker spielt in der Stiftskirche

Von Otto Bantel

Für die Orgelstunde mit dem Frankfurter Organisten Martin Lücker war man von der Schlosskirche, die den beiden vorangegangenen Cembalo-Recitals als geeigneter Rahmen gedient hatte, wieder in die Stiftskirche zurückgekehrt, den eigentlichen, die „Stunde der Kirchenmusik“ betreffenden Ort des Geschehens. Lücker begann sein überzeugend dargebotenes Programm mit der Nr. 564 BWV, Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur, wobei er die vielfältig gegebenen Möglichkeiten der dynamischen Abstufung und der Registrierung geschickt nutzte. Mit energischem Zugriff spielte er die Toccata und die durch ein aufdringliches Thema bestimmte Fuge, bei welcher auch die Pausen zu einem konstituierenden Element wurden. Im Gegensatz dazu erhielt das Adagio durch die kluge Registrierung einen subtilen Charakter. Solches ließ sich auch bei der Choralpartita „O Gott, du frommer Gott“, ebenfalls von Bach, konstatieren.

Die hohe Qualität und die zahlreichen Varianten der französischen Orgelmusik des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundersts rühren unter anderem auch daher, dass die berühmten komponierenden Organisten zum Teil über Jahrzehnte hinweg an derselben Kirche den Orgeldienst versahen und dass zwischen Lehrer und Schüler bisweilen eine enge Verbundenheit bestand. Dies wurde bei der Orgelstunde an der Gegenüberstellung des Chorals Nr.2 in h-Moll von César Franck und dem Paraphrase-Carillon über „Ave maris stella“ und „Salve Regina“ exemplarisch deutlich. Die vom Carillon-Register ausgehende Paraphrase steigert sich in einem expressiven Duktus, der in der Interpretation durch Martin Lücker einen hinreißenden emotionalen Ausdruck fand.

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